Tom Tykwer - Drei

Ein Spiel von Liebe und Zufall - Tom Tykwer zu seinem Film «Drei»

Am 23. Dezember kommt Tom Tykwers «Drei», sein erster deutscher Film seit zehn Jahren, in die Kinos. In der außergewöhnlichen Liebesgeschichte (mit Sophie Rois, Devid Striesow und Sebastian Schipper in den Hauptrollen) konfrontiert Tykwer seine Protagonisten mit postmodernen Normen und klassischen Praktiken, neuen Möglichkeiten und alten Sehnsüchten.

Seit zwanzig Jahren sind Hanna und Simon ein Paar. Sie leben in Berlin, nebeneinander und miteinander in kämpferischer Harmonie. Sie sind attraktiv, modern, gereift, kinderlos, kultiviert, ernüchtert. Fremdgehen, Kinderwunsch, Zusammenziehen, Fehlgeburten, Flucht und Rückkehr: das Paar hat viel hinter sich, aber nicht mehr ganz so viel vor. Bis sich beide, ohne voneinander zu wissen in denselben Mann verlieben: Adam Born, Stammzellforscher. Erst lässt sich Hanna mit ihm ein, wenig später auch Simon. Heimlich führen sie Affären mit Adam, nicht ahnend, wie sehr das Geheimnis, das sie voreinander haben, sie miteinander verbindet.

Es mag etwas überraschen, «Lola rennt» und «Drei» zu vergleichen, aber ich meine doch, trotz aller Verschiedenartigkeit Gemeinsamkeiten zu entdecken. Einmal im virtuosen Einsatz aller formalen Mittel und Zaubertricks des Films, um ganz kinogemäß Wunder wahr werden zu lassen. Beide Filme sind experimentelle Versuchsanordnungen, Variationen des Spiels von Liebe und Zufall.

Ja, ein Thema, das mit mir älter wird. Jede Situation, jede Begegnung im Leben ist ein organisches, also vielgliedriges Konstrukt, das von unzähligen unberechenbaren Parametern beeinflusst wird, eben von all den Überraschungen, die wir häufig erleben und den Zufällen, die uns ständig widerfahren. Wann trifft man jemanden, in welcher Situation? Was wäre passiert, wenn man einer Person zu einer anderen Zeit, bei anderer Gelegenheit begegnet wäre? Wie anders wäre das Leben verlaufen? All die Umstände, von denen es abhängt, ob man von einem Attraktivitätssignal getroffen wird. Diese überwältigende und mich manchmal auch einschüchternde Willkür von emotionalen und affektiven Irrungen und Wirrungen fasziniert mich.
Und unser Film versucht vielleicht einerseits, in irgendeiner Weise Wirklichkeit einzufangen, aber zugleich ist das Kino ja seit seiner Geburtsstunde ein technischer Apparat: eine Maschine, die synthetisch erzeugten, konstruierten Welten Leben einhaucht, eine Art Duplikat vom Leben fabriziert. So ist «Frankenstein» die Urgeschichte für uns Filmemacher. Im Grunde jagen wir Strom durch irgendwelche Monster und dann laufen sie durch unsere Filme. Konstrukte, erfunden und fiktiv, auferstanden ausden Gräbern unserer Phantasie, unserer Erinnerung, unserer Vorstellungskraft.

Ein Konstrukt, erbaut aus Realitätsfragmenten: Jeder Film erschafft einen künstlichen Raum, aber möbiliert ist er mit Dingen aus der Wirklichkeit. Beginnen wir mit den Schauplätzen: «Drei» spielt in Berlin, die Stadt ist auf sehr selbstverständliche, nie ausgestellte Weise im Film präsent. Prinzenbad, Charité, Neue Nationalgalerie, Mauerpark, Berliner Ensemble, das Union-Stadion an der Wuhlheide, viele andere attraktive Orte, aber es fehlen die Totalen, die demonstrative Geste: Hier sind wir – Berlin!

Die Auswahl der Orte hat sich relativ organisch, an den Figuren und ihrem alltäglichen Aktionsradius entlang entwickelt. Es ging nie darum, im klassischen Sinn attraktive oder visuell sensationelle Schauplätze zu finden, sondern stimmige Aufenthaltsorte für unser Personal. Sie sollten von innen belebt sein, Heimat für die Figuren, auch in dem Sinne, dass man einen vertrauten Ort gar nicht mehr vorzustellen braucht.
Bei «Lola rennt» hatten wir Lust, Berlin in seiner neuen Geographie zu erforschen und zu präsentieren, daraus auch ein Spiel zu machen, das der Film zelebriert. So wurde Berlin zur reinen Kulisse, fast wie ein fremder Planet, durch den eine wie einkopiert wirkende Gestalt jagt und nach Hilfe und Schutz sucht. In «Drei» ist es fast die umgekehrte Bewegung: der Film streift mit den Personen durch ihren privaten Kiez, eine Welt, die man als Beheimateter ja auch nicht mehr bewusst in ihren Oberflächen und ihrer speziellen Ikonographie, sondern einzig als atmosphärisch behütenden Raum erlebt. Wir hatten über 100 Motive, aber die Zusammenschau sollte nicht in irgendeiner Weise ein repräsentatives Bild der Stadt ergeben, sondern dem Psychogramm dieser Leute entsprechen.

Eine große Entdeckung sind die drei Schauspieler – keine Unbekannten, aber bisher so nie im Kino zu sehen gewesen.

Beim Schreiben war immer klar, die Frauenrolle muss Sophie Rois spielen. Sonst kann man die Sache vergessen. Die Texte sind also ganz explizit für sie geschrieben, im Wissen um ihr großes Können und ihre geradezu wollüstige Einverleibung und eigenwillige Interpretation von Sprache. Ich habe sie oft auf der Bühne gesehen, und natürlich die meisten Filmauftritte, sie über viele Jahre begleitet als Bewunderer. Und ich hatte immer das Gefühl, es gibt - im Kino - Rollen und Figuren, meinetwegen auch Typen, die sie bisher nicht hat spielen dürfen, obwohl gerade sie mit ihren ganz spezifischen Möglichkeiten etwas ganz besonderes daraus machen könnte. Ob die Figur der Hanna das jetzt ausgleicht, weiß ich gar nicht, aber ich weiß, dass es für die Leinwand eine Art Entdeckung ist, Sophie endlich mal als Star im klassischen Sinn und zugleich als exzentrische Gegenwartsperson zu erleben.
Ich hatte sie nicht vorher gar nicht gefragt - wir kannten uns auch nur flüchtig - sondern habe ihr einfach das fertige Drehbuch geschickt. Und dann wurde ich plötzlich sehr nervös, weil sie nicht gleich geantwortet hat. Eine Woche lang dachte ich, mein Gott, was mache ich eigentlich, wenn ... ohne sie – ich hätte nicht gewusst, wer diese Figur Hanna sonst spielen sollte. Aber sie hatte sich eben ihre Zeit genommen und brachte dann eine Menge Vorschläge und Gedanken mit, die alle enorm geholfen haben, die Charaktere plastischer und interessanter zu machen.

Sophie bringt Impulsivität, Intelligenz und Vitalität mit in die gemeinsame Arbeit und in ihre Figuren, sie hat große Lust mit Texten zu arbeiten, die sie inspirieren. Beziehungsweise wenn sie das nicht tun, werden sie sofort verbessert, und zwar deutlich. Gleichzeitig spielt sich diese Rolle ja nicht nur über den Text ab, sondern ist auch in der Stille sehr nuancenreich, da wird sehr viel über Blicke erzählt. Ich finde die Art und Weise, wie sie diese komplexe Figur in eine Balance zwischen Forschheit und Fragilität gebracht hat, ganz außergewöhnlich.

Sebastian Schipper war – obwohl wir uns seit 15 Jahren kennen, er schon in drei Filmen bei mir mitgespielt hat, allerdings nie als Protagonist – für mich eine ebenso überraschende wie – im Nachhinein – einleuchtende Entdeckung. Als es an die Besetzung dieser Rolle ging, habe ich immer gesagt: Wir brauchen jemanden wie Sebastian Schipper, ungefähr das Alter, auch die Geste, also so eine bestimmte lässige, kluge Souveränität. Mit dieser besonderen Form der Attraktivität, jemanden, der kein klassischer „Beau“ ist, aber doch eine Intensität hat, auch Selbstironie - danach haben wir gesucht und gesucht und gesucht, bis ich irgendwann dachte, warum frage ich eigentlich nicht Sebastian. Wir kennen uns eigentlich viel mehr als Filmemacher, als befreundete Kollegen. Ich habe alle seine Filme begleitet, wir haben lange über seine Drehbücher diskutiert und dabei ein gemeinsames Verständnis von Figurenzeichnung und Charakterisierung entwickelt, das wir übertragen konnten auf die gemeinsame Gestaltung der Figur Simon – ich als Regisseur und er als Schauspieler.
Devid Striesow als Adam ist schnell alternativlos gewesen. Er besitzt wie kaum ein anderer Schauspieler in seiner Generation eine irrsinnige Ambivalenz, kann ein Spannungsfeld erzeugen durch eine gewisse Rätselhaftigkeit, in der man Distanz spürt und zugleich eine geheimnisvolle Wärme. Bei Devid hat Mathilde Bonnefoy, die Cutterin, oft riskiert, einen Satz wegzulassen und ihn stattdessen nur auf eine bestimmte, vieldeutige Weise schauen zu lassen. Devid kombiniert eine überraschende, fast triebhafte Offenheit mit unerwarteten Querschlägern von Rückzug und Introvertiertheit, was seine Reaktionen oft mehrdeutig erscheinen lässt. Dadurch ist man zugleich verunsichert und angezogen. Mit diesen sehr eigenwilligen Qualitäten ist er gar nicht so leicht zu fassen, das hat ihn perfekt zwischen die beiden anderen gestellt – ein Dreieck, das ich wirklich bestechend fand.

«Drei», psychologisch genau austariert, hat ein Moment von Unmittelbarkeit, den ich nicht in allen deinen Filmen gleichermaßen spüre.

Wichtig war mir, den Film auch noch während der Produktion, wo üblicherweise alles verhältnismäßig strukturiert ablaufen muss, intuitiv anzugehen. Wir haben die Texte sehr frei gelesen und zumindest bei den Proben improvisiert, das eine oder andere modifiziert oder weiterentwickelt, und diese Geste in den Dreh hineingetragen, mit Varianten auch in letzter Sekunde. Sophie, aber auch Sebastian und Devid haben sich überaus vertrauensvoll eingelassen auf das Projekt, und als Regisseur konnte ich, vielleicht mehr als sonst, loslassen von festgesteckten Rahmen und bestimmten formalen Zwängen.

Der Film hat eine große Nähe, Intimität zu den Figuren.

Ich verstehe von allen dreien was, mir sind alle drei auf unterschiedliche Weise nah und vertraut.
Die Dreharbeiten waren eine unheimlich schöne Erfahrung, weil wieder die alte Truppe versammelt war – Menschen, mit denen ich zum Teil seit gut zwanzig Jahren Filme drehe – und alle auf ihre Weise wussten und kannten, was hier verhandelt wird. Nicht dass der Film in allzu expliziter Weise Biographisches zu bieten hätte, aber die Konflikte und Lebensräume sagen uns allen etwas. «Drei» ist ein Film, in dem ich mich zu Hause fühle.
Tom Tykwer - Drei

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