Soziotop der Sondergänger: Fatih Akins Strunk-Verfilmung auf der Berlinale


Weltpremiere

«Der Goldene Handschuh» von Fatih Akin feiert seine Uraufführung im Wettbewerb der diesjährigen 69. Berlinale. Die Verfilmung von Heinz Strunks Roman tritt damit gegen internationale Produktionen von Lone Scherfig, François Ozon, Angela Schanelec und Zhang Yimou an. Fatih Akin gewann den Goldenen Bären als letzter deutscher Regisseur bereits im Jahr 2004 für seinen Film «Gegen die Wand». Nach seiner jüngsten Literaturverfilmung von Wolfgang Herrndorfs «Tschick» wurde er für «Aus dem Nichts» 2018 mit dem Deutschen Filmpreis und einem Golden Globe für den «Besten fremdsprachigen Film» ausgezeichnet.

Im Anschluss an die Berlinale läuft «Der Goldene Handschuh» am 21. Februar bundesweit in den Kinos an.


An den Rändern des Lebens

Der Hilfsarbeiter Fritz Honka (Jonas Dassler: «Das schweigende Klassenzimmer», «Werk ohne Autor») ermordet und zerstückelt vier verlebte Frauen im Hamburg-Altona der 1970er Jahre. Er entsorgt sie auf der Müllhalde oder verstaut sie fein säuberlich in blauen Plastiksäcken hinter den vergilbten, mit Pin-ups tapezierten Wänden seiner modrigen Mansardenwohnung.

Der Film begibt sich keineswegs auf eine sensationsbeladene Fährte, die Grenzen unserer Vorstellung zu sprengen, sondern erzählt eine Geschichte, die sich so unaufgeregt wie unerträglich in die Hölle der anderen einfühlt – sei es nun in den Buddenbrookschen Niedergang einer betuchten Reeder-Familie oder die Halbwelt der Kneipe «Der Goldene Handschuh», diesem berüchtigten letzten Utopia der Ramponierten.

Honkas Welt ist kaum zum Aushalten. Die zerschlagenen Gestalten sitzen an der Theke im kalten Rauch, verwachsen mit ihrem «Fako», Korn mit einem Schuss Fanta, und knurren sich an: «Na, du alte Hundelunge!» Faustschläge knallen wie Schnäpse, an Festtagen gibt’s Filterzigaretten. «So viele Farben, wie Turner dem Meer und seinen Wellen abzugewinnen wusste, so viele schimmelig-schillernde Aspekte des verrottenden Körpers gewinnt Strunk seinen Säufern ab.» (Ijoma Mangold, «Die Zeit»)

Jürgen Kaube resümierte in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»: «Das ist nicht nur die Leistung eines Erzählers, der den schiefen Blick der missratenen Kreatur aushält. Dadurch fällt seinen tränenlosen Beschreibungen auch ein geradezu filmischer Realismus zu.»
Soziotop der Sondergänger: Fatih Akins Strunk-Verfilmung auf der Berlinale