Filmschreiben: Jochen Brunow

Ein Kameraschwenk über die Dächer von Berlin, in einer eleganten 360-Grad-Drehung senkt sich die Kamera hinunter auf einen Platz, auf dem gerade ein Stadtteilfest stattfindet. Am Rande, auf einer Mauer sitzt eine Studentin mit einer Videokamera, neben ihr ein deutlich älterer Mann, den sie interviewt. Er ist Architekt, mit Sanierungsfragen beschäftigt; sie dagegen kämpft mit einer Bürgerinitiative gegen die Gentrifizierung des Viertels. Und trotzdem werden sie sich ineinander verlieben.

Eingangssequenz und Titel deuten schon darauf, dass die Geschichte exakt verortet ist: «Berlin Chamissoplatz», BRD 1980, Regie Rudolf Thome, Drehbuch Jochen Brunow, Rudolf Thome. Bei der Uraufführung in Hof fiel der Film durch und wurde ausgebuht; Kritiker und Cineasten hielten dagegen, für Hans-Christoph Blumenberg war «Berlin Chamissoplatz» «das erste Meisterwerk des deutschen Kinos der achtziger Jahre». «Seit Godard hat das niemand mehr gewagt: eine reine, naive Liebesgeschichte mitten in die alltägliche Umwelt plumpsen zu lassen», schrieb damals Peter Buchka in der «Süddeutschen Zeitung».

Heute ist «Berlin Chamissoplatz» ein Kultfilm: Die Szene, in der Hanns Zischler ihr ein selbst komponiertes Lied am Klavier vorspielt, gehört zu den schönsten Liebesszenen des deutschen Films. Als vor ein paar Jahren der Film auf DVD wiederveröffentlicht wurde, fragte sich verwundert Sarah Schelp in der «Zeit»: «Wie konnte man nur die Poesie dieser Bilder übersehen, ihr traumverlorenes Licht und die Geschichten auf den Gesichtern der Liebenden? Glücklich streifen sie durch ein Kreuzberg, wie es war – so präsent, trunken, verrückt und vernarrt wie Hanns Zischlers Martin und so bezaubernd, chaotisch und in sich ruhend wie Sabine Bachs Anna.»

«Berlin Chamissoplatz» war das Spielfilm-Debüt von Jochen Brunow. Seitdem hat er zahlreiche Drehbücher geschrieben, ist als Dozent und Dramaturg aktiv, gibt seit zehn Jahren den Drehbuch-Almanach «Scenario» heraus. Aber der Chamissoplatz steht noch, und wieder liest man an den Hausfassaden «Spekulanten raus!»

Brunows neues Projekt heißt «Chamissoplatz revisited». Er wird die Geschichte von Martin und Anna weitererzählen, und Hanns Zischler und Sabine Bach haben bereits zugesagt.

«Chamissoplatz revisited» sei mehr als ein Arbeitstitel, erklärt Brunow, es sei Programm. «Eine radikale Liebesgeschichte zwischen einem Paar aus verschiedenen sozialen Biotopen in einem ethnologisch genau beobachteten Milieu, das war 1980 der Ansatzpunkt von Rudolf Thome und mir. Diesen Ansatz auf die heutige Situation zu übertragen, die damaligen Konfliktpotenziale so präzise wie möglich in die Gegenwart zu transponieren und so wieder ein konkretes Bild der Stadt und der Liebe oder ihrer Unmöglichkeit zu schaffen, das ist die Aufgabe, die ich mir gesetzt habe.»

35 Jahre später ist die politische Situation nur auf den ersten Blick eine vollkommen andere: Der Widerstand gegen die Mediaspree-Bebauung entspricht dem damaligen Protest gegen die totale Sanierung des Chamissoplatzes. Damals wurden Häuser besetzt, heute stehen sie oft einfach leer. Mit dem «Abfackeln von Bonzenkarren» hat im politischen Milieu der Stadt inzwischen allerdings eine problematische Radikalisierung stattgefunden. Dabei dokumentieren die autonomen Gewalttäter ihre Abfackelaktionen heute mit Handy-Videos, so dass auch die alten Video-Openreel Aufnahmen von Anna eine sehr moderne Entsprechung finden können. Wenn sich nach über dreißig Jahren erneut die Lebenslinien des Architekten Martin Berger und der damaligen Studentin Anna Bach kreuzen, befinden sie sich, in völlig neuen Lebensphasen und unter veränderten Voraussetzungen, doch stehen sie wieder auf verschiedenen Seiten der Barrikaden. Auch die Rollen im Ringen der Geschlechter um Nähe und Vertrauen haben sich verändert. Hat die bei ihrer erneuten Begegnung wieder aufflammende Anziehung diesmal eine Zukunft?

«Der besondere Reiz für mich besteht darin», bekennt Hanns Zischler in einem Letter of Intent zu dem Projekt, «noch einmal mit Sabine Bach diese Geschichte weiterspinnen zu dürfen; das, was damals angedeutet war, neu zu verstehen und andere Wege der Wiederannäherung zu finden. Hinzukommt, dass Berlin auf eine seltsame Weise chaotisch und rebellisch geblieben ist, dass die gegenläufigen Interessen stärker und anders als in anderen Städten hier immer noch mit Händen zu greifen sind; dass die Lebensspuren dementsprechend deutlicher lesbar sind als dies vielleicht in der Regel der Fall ist.» Es wäre für ihn «ein großes Vergnügen und eine enorme Herausforderung», Play it again zu spielen, «wohl wissend, dass die Wiederaufnahme eines Spiels immer etwas Unvorhersehbares mit sich bringt. Doch genau deshalb soll es ja riskiert werden!» Bleibt zu hoffen, dass dieses reizvolle Projekt realisiert werden kann.

Der kreative Muskel muss, Jochen Brunow weiß das, stets im Training bleiben. Er hat, neben seinen Lehrverpflichtungen und seiner Herausgebertätigkeit, neben dem Engagement für den Berufsstand Drehbuchautor und Essays über diese spezifische Kunst, immer auch Drehbücher geschrieben. Er hat u. a. für die ZDF-Reihen «Bella Block» und «Kommissarin Lucas« geschrieben, aber auch TV-Movies für SAT.1 und für Schweizer Fernsehen den Film «Der Mann und das Mädchen». Zwei seiner aktuellen Projekte seien hier kurz vorgestellt.

«Gefährliche Heilung». Gerd Volkers ist ein beliebter Klinikarzt. Seine vierjährige Tochter Anna ist an Leukämie erkrankt und braucht ständig ein teures zytostatisches Medikament. Eines Tages ruft Karin bei ihrem Mann in der Klinik an: Ihr Apotheker hat versäumt, das Medikament für Anna rechtzeitig zu bestellen, sie könne es erst am kommenden Tag abholen, und er möge bitte eine Dosis aus der Klinik mitbringen. Volkers besorgt eine Ampulle aus der Krankenhausapotheke und injiziert das Medikament selbst seiner Tochter, die schon im Bett liegt. Als er später nach Anna schaut, bemerkt er entsetzt, dass sie in einer lebensgefährlichen Krise ist. Er rast mit ihr in die Klinik, doch es ist zu spät. – In der Krankenhausapotheke fehlen die Packungen des Medikamentes, aus denen Volkers seine Ampulle entnommen hat. War das Medikament gefälscht? Oder aber, ein ungeheurer Verdacht, hat Gerd sein Kind vor weiteren Qualen bewahren wollen und Sterbehilfe geleistet?

Jochen Brunow erzählt ein Drama: Ein Mann wird aus seiner wohlgeordneten Existenz herausgeschleudert. Er sieht rot und legt sich mit der Mafia an, denn seine Tochter wurde ein Opfer krimineller Machenschaften. Die Fiktion hat einen realen Hintergrund: Der Handel mit gefälschten und illegalen Arzneimitteln ist das neue Geschäftsfeld der Mafia geworden. Wie viele fragwürdige Präparate, vor allem extrem teure Krebspräparate, in Deutschland im Umlauf sind, darüber schweigen sich die Behörden lieber aus.

«Bluterbe». Auch hier ist der Ausgangspunkt aktuell: Brunow hat sich für seine fiktive Geschichte inspirieren lassen von Günther Wessels Buch «Das schmutzige Geschäft mit der Antike» sowie «Priceless», der Autobiografie von Robert K. Wittman, dem Gründer des FBI Art Crime Teams. Es beginnt wie ein «Tatort». Morgen im Hafen, die Barkassen nehmen ihren Dienst auf. Im Kielwasser einer Fähre wird eine Hand hochgewirbelt. Sie scheint aus dem Wasser nach Hilfe zu winken. Die Fähre dreht bei, und an der Hand wird der abgetrennte Arm eines Mannes sichtbar. Der Tote ist der renommierte Kunsthändler Gurland; seine Tochter Susanne, die den Laden führt, kann sich nicht erklären, wer ihn ermordet haben sollte. Anderntags taucht ein Araber im Antiquitätengeschäft auf, stellt sich als Sammler vor und fragt nach gewissen Kunstgegenständen, von denen Susanne nichts weiß. Im Freihafen entdeckt sie ein ihr bislang unbekanntes Depot ihres Vaters: wundervolle Antiken aus dem Vorderen Orient, aus Mesopotamien. Gurland sollte Provenienzen besorgen und die Stücke auf den Markt bringen. Doch Provenienzen lassen sich nicht aus dem Ärmel schütteln, und der Kunsthändler, verliebt in seinen Schatz, hat sich nicht an die Abmachungen gehalten. «Bluterbe» ist ein kriminalistisches Drama über Kunstraub und wie sich islamistische Milizen über Antiken aus Plünderungen finanzieren, zugleich aber auch die Geschichte einer Tochter, die erkennen muss, dass der von ihr verehrte und geliebte Vater sie hintergangen hat.

Das Drehbuch als Nahtstelle zwischen literarischer und filmischer Narration hat Jochen Brunow in luziden Essays reflektiert. In seinem Buch «Schreiben für den Film» entwirft er «eine Utopie vom Drehbuch als eigenständiger Schreibweise, vom Drehbuchschreiben als einer anderen Art des Erzählens»; im Vorwort heißt es: «Niemand, der schreibt, muss Drehbücher schreiben. Tut er es, so entscheidet er sich nicht nur, eine Industrie zu beliefern, er entscheidet sich auch für einen Stil.» Das Drehbuch als literarisches Werk, das einen Film evoziert, aber auch ohne diesen lesenswert ist. Soweit die Theorie. The proof of the pudding is in the eating: Noch in diesem Jahr werden drei nicht realisierte Drehbücher von Jochen Brunow als Buch erscheinen.
Filmschreiben: Jochen Brunow

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