Dorothee Schön über den «Tatort» - Das Geheimnis der alten Dame

Sie gehört zu den versierten und vielfältigsten «Tatort»-Autoren: Seit ihrem Debüt mit «Heilig Blut» (1996) hat Dorothee Schön mehr als ein Dutzend Drehbücher für diese Institution des deutschen Fernsehens geschrieben. Ihre Fälle haben bearbeitet der Kieler Kommissar Borowski, das Münsteraner Duo Thiel und Boerner, vor allem aber die inLudwigshafen bzw. Konstanz agierenden Kommissarinnen Lena Odenthal und Klara Blum. Wir haben Dorothee Schön gebeten, sich Gedanken über das erfolgreichsten Format des deutschen Fernsehens zu machen.

Wenn der «Tatort»-Vorspann läuft, dann ist das wie ein kurzer Bungee-Sprung in die Siebziger und wieder zurück. Nichts beweist den Kultstatus besser als dieser Vorspann. Selbst die unverwüstliche «Tagesschau» hat in ihrer Geschichte schon verschiedene Relaunches erfahren. Nicht so der «Tatort».

Große alte Damen pflegen – um nicht Modeopfer zu werden – sich «zeitlos» zu kleiden (so zum Beispiel die Queen und ihre Chanel-Kostümchen). Nicht so die unbestrittene Königin des Fernseh-Sonntagabend. Im Gegenteil: Sie hat jeden Trend mitgemacht, und gerade weil sie sich den Wind der Gegenwart immer kräftig ins Gesicht blasen ließ, ist sie frisch geblieben.

Eine einzelne Kommissarfigur, ein festgelegtes dramaturgisches Konzept, eine durchgehaltene Ästhetik altern unweigerlich. Jede noch so populäre Krimireihe hat das erfahren. Das Einzige, das alle «Tatort»-Autoren und –Regisseure verbindet ist, dass sie nichts verbindet. Jeder geht an den Start als gelte es, ein solitäres Fernsehspiel zu entwickeln. Die einzig gültige Regel ist die von Billy Wilder: «Du sollst nicht langweilen!». Es gibt in Wahrheit kein irgendwo fixiertes «Tatort»-Format, auch wenn manche Redakteure dies glauben. Tatsächlich erscheinen mir manchmal die Fans im Internet, allem voran dem «Tatort-Forum», beschlagener als die Macher selbst.

Mir persönlich hat der «Tatort» die Möglichkeit gegeben, einer besonderen Leidenschaft zu frönen: Sich immer wieder Einblick in fremde Alltagswelten zu verschaffen und den Zuschauer auf diese Reise mitzunehmen, sei es in einen klausurierten Nonnenorden («Heilig Blut»), eine dörfliche Backstube («Bitteres Brot») oder auf einen Schrottplatz («Schrott und Totschlag»). Ich konnte mich unter Orchideenzüchtern tummeln («Der Name der Orchidee»), auf Suizidforen im Internet («1000 Tode») und auf schwedischen Fährschiffen («Mann über Bord»).

Im «Tatort» ist ein klassischer Who-done-it genauso erlaubt, sei es mit vielen Verdächtigen («Sterben für die Erben») oder nur mit zweien («Engelchen flieg»), als auch eine Suspense-Dramaturgie, die den Täter von Anfang an offen führt («Schrott und Totschlag»). Nichts, was es im «Tatort» nicht gibt.

Was an einem «Tatort» zeittypisch ist, erschließt sich meist erst in der Rückschau. Natürlich wird im Zeitalter von Computer und DNA völlig anders ermittelt als anno 1970. Es ist gar nicht mehr so einfach, einen Polizeikommissar glaubhaft in brenzlige Situationen zu bringen, dem Bösen alleine ausgeliefert, ohne dass nicht jeder Zuschauer denkt: Warum benutzt er denn nicht einfach sein Handy?

Auch die Helden haben sich gewandelt. Nach den seriösen Polizeibeamten, denen allen irgendwie noch Erik Ode im Trenchcoat steckte, mischte der Draufgänger Schimanski das Rollenbild des Polizeikommissars tüchtig auf. Lena Odenthal schaffte es als erste Frauenfigur, sich in diese Männerwelt glaubhaft durchzusetzen. Inzwischen gibt es so viele Kommissarinnen, dass man langsam schon wieder eine Lanze für die Männer brechen muss. Zuletzt lotete das Duo Thiel & Börne in Münster das Format auf seine Slapstick-Tauglichkeit aus, während Dellwo & Sänger in Frankfurt sich weit in den Realismus polizeilichen Alltags wagen.

Das alles ist möglich unter dem gleichen «Tatort»-Dach mit einem immer treuen Millionenpublikum. Schon erstaunlich…

Der erste «Tatort» wurde Ende November 1970 gesendet; nächstes Jahr wird der 500. «Tatort» zur Ausstrahlung kommen (und die Wiederholungen kann keiner mehr zählen). Glücklicherweise scheint immer wieder ein neues Publikum dieses Format für sich zu entdecken. Ich glaube, die alte Dame «Tatort» wird uns noch alle überleben…

Text: © Dorothee Schön, Bild: © SWR / Schweigert / Hellenbach; NDR / Marion von Mehden
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